Whippets de Lobito Azul


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Kastration

Rund um den Hund > Gesundheit

Als Entscheidungshilfe


Viele Hundebesitzer stellen sich irgendwann die Frage nach einer Kastration, besonders ihrer Hündin. Verunsichert werden sie durch haltlose Behauptungen von Bekannten und anderen wohlmeinenden Hundebesitzern oder gar von Tierärzten und Hundetrainern. Eine Hündin bekäme unweigerlich im Alter Mammatumore und Gebärmutterentzündungen, sie leidet unter der Läufigkeit und eventueller Scheinträchtigkeit und überhaupt, aus "Tierschutzgründen" sollte man seinen Hund kastrieren lassen. Welche das genau sind, konnte mir leider noch niemand hinreichend darlegen. Im Gegenteil, ist es doch so, dass das TSchG die Kastration (Amputation von Organen) ohne das Vorliegen eines medizinischen Grundes (also de facto die Amputation gesunder, funktionsfähiger Organe) verbietet. *
Fakten müssen also her, damit sich der Hundehalter möglichst objektiv eine Meinung bilden kann.

+
Mammatumore sind bei kastrierten Hündinnen, die nach der ersten Hitze kastriert wurden, genauso häufig, wie bei unkastrierten (0,2 bis maximal 1,8%).

+ Das häufige
Harnträufeln nach Kastrationen großer Hündinnen (20kg) stellt eine Dauerbelastung für den Besitzer dar. Die Ursache wird im Wegfall des Eierstockhormons Östrogen gesehen. Es ist u. a. für die Schließmuskelfunktion der Harnblase mitverantwortlich. Dieses Harnträufeln beginnt meist innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Kastration. Die Verabreichung von Östrogen zum Ausgleich ist nicht mehr zu empfehlen, weil sie einerseits nur kurze Zeit wirksam ist, auf der anderen Seite jedoch folgende Schäden möglich sind: Knochenmarksdepression (nicht sofort sichtbar), Mangel an Blutplättchen und damit Blutgerinnungsstörungen. Geeigneter erscheint heute die Gabe von Ephedrin, das jedoch auf Herz und Kreislauf wirken kann und deshalb nicht bei jeder Hündin einsetzbar ist. Bleibt noch die operative Therapie-Methode, die jedoch nur von einigen Tierkliniken mit entsprechender Ausrüstung angeboten wird.

+ Bei manchen Hündinnen treten die
Läufigkeitssymptome auch nach der Kastration wieder mehr oder weniger stark auf. Dies gilt besonders für Hündinnen, deren Gebärmutter nicht oder nur teilweise entfernt wurde. Die Ursache ist in versprengtem Ovargewebe zu sehen, das der Operateur nicht finden konnte (oft unterhalb der Eierstocktasche am Aufhängeband der Niere). Dieses Gewebe bleibt hormonell aktiv und neigt zur Entartung (Zystenbildung). Dauerläufigkeit ist oft die Folge.

+ Die Hormonaktivität kann zur
Vereiterung des verbliebenen Gebärmutter-Rests führen.

+ Ein Grund gegen die
Sterilisation ist das Risiko der Zystenbildung/Entartung der in der Hündin belassenen Eierstöcke und das erhöhte Risiko bzgl. der Gebärmuttervereiterung (8%).

+ Dr. Andrea Münnich (Tierklinik für Fortpflanzung und Geburtshilfe der Freien Universität Berlin)
empfiehlt ein Belassen der natürlichen Gegebenheiten, sofern nicht medizinische Gründe im Einzelfall dagegen sprechen. Sie teilt diese Meinung mit Dr. vet. med. habil. Armin Kuntze, Dr. Gerhard Baumgartner (Referat für Tierschutz des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) und vielen anderen Experten.

Die neueste Untersuchung bei kastrierten Hunden (Bielefelder Studie, von Frau Dr. Gabriele Niepel)


Mammatumor:
Bei
unkastrierten Hündinnen erkranken zwischen 1,98 und 2,8 (maximal 18,6) von 1000 Hündinnen, ( je nach Alter und Rasse ), das entspricht einen Prozentanteil von 0,2 bis maximal 1,8%. Frühkastrierte Hündinnen haben demgegenüber ein Risiko von 0,0093%, nach der ersten Läufigkeit kastrierte Hündinnen tragen ein Risiko von 0,1488%.
Entartungen treten zudem in der Regel im späten Lebensabschnitt auf, mit einem Durchschnittsalter von 10-15 Jahren (Stolla, 2001). Angesichts dieser Wahrscheinlichkeit der Erkrankung muss die Frage erlaubt sein, ob der medizinischen Prophylaxegedanke gerechtfertigt ist. Diese Frage drängt sich um so mehr auf, wenn man sich die Wahrscheinlichkeiten der unerwünschter - auch gesundheitlicher - Folgen der Kastration anschaut.

Risiko für
Gebärmutterentzündung bei unkastrierten Hündinnen: 8%

Ein wenig Statistik


Bei Hündinnen:
49% zeigen Fellveränderungen
44% zeigen Gewichtszunahme
40% zeigen vermehrten Hunger
28% zeigen Harnträufeln (Inkontinenz)
22% sind aktiver
15% sind lethargischer
11% sind aggressiver gegen Hunde allgemein
9% sind aggressiver gegen Hündinnen

Bei Rüden:
47% zeigen Gewichtszunahme
46% zeigen vermehrten Hunger
45% zeigen das Verschwinden von vormaliger Vorhautentzündung
32% zeigen Fellveränderungen
34% sind weniger aggressiv gegen Rüden
9% zeigen Harnträufeln (Inkontinenz)
7% sind weniger aggressiv gegen die Familie
2% sind weniger aggressiv gegen Fremde

Bei Hündinnen kastriert größeres Risiko:
(8 x) zu Harninkontinenz
(2 x) zu Übergewicht
(8 x) größeres Risiko zu Herztumoren
größeres Risiko zu Hämangiom (Blutschwamm)
Schilddrüsenüberfunktion
Schilddrüsenkrebs
Nieren/Blasengeschwüre
Akute, fatale Pancreatitis
chronische Hornhautentzündung
Schwund von Muskelmasse und Bindegewebe
während der Operation zu sterben

Hündinnen unkastriert größeres Risiko:
(6 x) von Analfisteln perianal fistula
größeres Risiko zu Scheidenentzündung und Scheidentumoren
Brustkrebs (im Vergleich zu Frühkastrationen)
Gebärmutterentzündung

Bei Rüden kastriert größeres Risiko:
(2 x) zu Übergewicht
Prostatakrebs
Nieren/Blasengeschwüre
Diabetes
Schilddrüsenüberfunktion
Osteosarcoma
während der Operation zu sterben

Bei Rüden unkastriert größeres Risiko:
Leukämie
Hodenkrebs
6 x von Analfisteln
bei Lymphoma eine kürzere krankheitsfreie Intervall

Verhaltensauffälligkeiten - Kastration ist oftmals keine Lösung!


Selbst Rüden, die
im Alter von nur 40 Tagen kastriert worden sind, zeigten im Vergleich ihrer Entwicklung ( verfolgt bis zum 8. Lebensmonat) kein anderes Verhalten als ihre unkastrierten Wurfgeschwister.
Frühkastration hat
keinen Einfluss auf dominantes Verhalten (LeBoeuf, 1970, zit. nach Salmeri u.a., 1991b).
Lerneffekte über die Zeit hinweg scheinen keinen großen Einfluss zu haben, so konnte Hart (1968, zit. nach Hart/Eckstein,1997) nachweisen, dass es keinen Unterschied macht, ob Rüden vor ihrer Kastration erlaubt wurde mit Hündinnen zu kopulieren, also Lernerfahrungen zu sammeln oder nicht - es bedarf dazu keiner Übung, von daher bringt eine frühe Kastration auch keine besseren Ergebnisse in Bezug auf die geschlechtshormongesteuerten Verhaltensweisen.
Die Ergebnisse der Bielefelder Studie bestätigen obige Studien und zeigen zugleich, dass
negative Verhaltensweisen wie z.B. Unsicherheit im Verhalten gegenüber Artgenossen, gesteigerte Aggressivität gegen gleichgeschlechtliche Hunde und gegen Hunde im allgemeinen, ja sogar Aggression gegen Fremde häufiger von Haltern solcher Hunde als Folgen beschrieben werden, welche in einem Alter von unter 6 Monate kastriert wurden.

Gesundheitliche Gründe


Selbstverständlich gibt es auch gute Gründe für eine Kastration. Hier wäre bei der Hündin eine
akute Entzündung der Geschlechtsorgane zu nennen, ebenfalls Diabetes in den verschiedenen Ausprägungen und andere hormonell beeinflusste Erkrankungen. Starke Scheinträchtigkeit mit einhergehender starker Wesensveränderung ist ebenfalls für die Hündin und Besitzer ein guter Grund.
Bei Rüden steht oft wegen
chronischer Vorhautentzündung oder Tumoren eine Operation an, auch übersteigerter Sexualtrieb kann eine Belastung für den Hund sein.
Doch sollte man vor einer Kastration auch überlegen, ob man nicht mit
alternativen Heilmethoden eine Besserung von Beschwerden erreichen kann. Akuterkrankungen und Wesensveränderungen können gerade mit Homöopathie und Bachblüten sehr gut behandelt werden.


Die chemische Kastration (z.B. Suprelorin)


Wird eine Kastration beim Rüden oder der Hündin als unumgänglich angesehen, rate ich persönlich zum Setzen eines
Suprelorin-Implantats. Damit kann überprüft werden, ob sich tatsächlich eine gewünschte Wesensveränderung ergibt oder ein Effekt auf gesundheitliche Probleme (selbstverständlich nicht bei Akuterkrankungen wie einer Pyometra). Die Wirkung hält mind. 6 Monate an, es kommt zu keiner Läufigkeit und der Rüde ist unfruchtbar. Nebenwirkungen sind u.U. die einer chirurgischen Kastration, allerdings ohne OP-Risiko und Schmerzen. Suprelorin darf nicht mit den Hormonspritzen aus früheren Tagen verwechselt werden, die beträchtliche Risiken mit sich bringen und abzulehnen sind.
Meine Erfahrungen bei Buddy waren sehr gut, die umfangreichen Recherchen im Internet, bei Tierärzten und Züchtern haben ebenfalls ein sehr positives Bild ergeben. Das Implantat (manchmal auch als Hormonchip bezeichnet) ist zur
Daueranwendung geeignet, jedoch sollte man sich bewusst sein, dass dadurch ebenfalls in den Hormon- und Stoffwechselhaushalt eigegriffen wird.

Zum Schluss

... sei mir ein eigenes Resümee erlaubt: Meine Erfahrungen mit Kastrationen, die übrigens durch meine Tierschutzarbeit im deutlich 2-stelligen Bereich liegen, waren durchweg negativ, sowohl vom Zustand der Hunde nach der OP, dem Heilungsverlauf und auch der psychischen Veränderung in Folge. Bei meinen beiden Hündinnen bereue ich es zutiefst, denn ich werde jeden Tag erneut mit der Konsequenz meiner (eher unfreiwilligen) Entscheidung konfrontiert.
Aber zum Glück sind Hunde nicht nachtragend und trauern nicht "besseren" Zeiten hinterher, so bleibt mir ein vorwurfsvoller Blick zumindest erspart.
Man darf hier nicht vermenschlichen, dem Hund ist es selbstverständlich egal, ob ihm Organe fehlen oder nicht und er weiß auch nicht mehr, dass er früher die Welt und seine Artgenossen ganz anders betrachtet hat. Aber die womöglich lebenslangen Schmerzen durch den massiven Eingriff im Bauchraum, durch das Narbengewebe, die Stümpfe usw. können Hündinnen genauso fühlen, ebenso die anderen "Nebenwirkungen". Nur zeigen Hunde Schmerzen oft nicht, bzw. wir Menschen erkennen die Anzeichen dafür nicht.
Wenn man das Pech hat und der Hund entwickelt ein übersteigertes Angstverhalten oder Aggressivität gegenüber Artgenossen, lebt es sich für ihn deutlich schlechter als vorher.
Dass noch immer sehr viele Halter sorglos mit dem Thema Kastration umgehen, ist schade, und der Trend zur Frühkastration überaus bedenklich. Vielleicht regen die oben angeführten Fakten zum Nachdenken an.
Eine
Kastration ohne medizinische Indikation ist eine Amputation von gesunden Organen und stellt einen erheblichen Eingriff in die normalen physiologischen Stoffwechselvorgänge des Körpers, den Hormonhaushalt (nicht nur den der Geschlechtshormone!) und damit letztlich auch der Psyche dar.
Es ist definitiv nicht nötig, seinen Hund wegen eines minimalen Krebsrisikos oder aus Angst vor Dominanzgebaren zu kastrieren. Vor einer Trächtigkeit schützt auch die Sterilisation.
Ein Umdenken ist notwendig!

Mehr Infos und Quellen:
Dr. Armin Kuntze: Kastration nur bei tiermedizinischer Indikation
Dr. Andrea Münnich: Kontrazeption - die Ausschaltung der Fortpflanzungsfähigkeit
Dr. Gabriele Niepel: Die Bielefelder Kastrationsstudie (2003)
www.homoeotherapie.de

! Wer sich umfassender über das Thema "Kastration" oder "Hormone und Verhalten" informieren möchte, dem kann ich die Vorträge und Seminare von Dr. Udo Gansloßer wärmstens empfehlen: http://www.einzelfelle.de !


* Verbot von Eingriffen an Tieren

§ 7. (1)
Eingriffe, die nicht therapeutischen oder diagnostischen Zielen oder der fachgerechten
Kennzeichnung von Tieren in Übereinstimmung mit den anwendbaren Rechtsvorschriften dienen,
sind
verboten.


Österreichisches Bundesgesetzblatt



§ 6
(1)
Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres.

Deutsches TierSchG

Buchtipps

"Kastration beim Hund": Die bekannte Bielefelder Kastrationsstudie wird vorgestellt, sowie detailliert die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden zur Unfruchtbarmachung.


"Verhaltensbiologie für Hundehalter": Sehr (!) empfehlenswertes Buch auf fundierter, wissenschaftlicher Ebene, in einem Kapitel zum Hormonhaushalt wird speziell die Kastration behandelt.
Dr. Udo Gansloßer gibt die oben genannten Seminare zum Thema Verhalten und Hormone.
Das neu erschienene (8. August 2011) Praxishandbuch zeigt anschaulich die Umsetzung der Theorie in den Alltag.

"Die Hündin": Neuauflage, Informationen rund um die Hündin, ihren Zyklusverlauf und alle zusammenhängenden Wesensveränderunge, Scheinschwangerschaft, Erkrankungen usw. Stellenweise etwas veraltet.

"Kastration und Verhalten beim Hund": Dr. Udo Gansloßer beleuchtet hier detailliert das Thema Kastration und Verhalten aus verhaltensbiologischer Sicht, wissenschaftlich fundiert und sicher wie gewohnt in verständlicher Art und Weise. Erscheint am 31. Oktober 2011.

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